idealfigur, Schönheitsideale und Schlankheitswahn

Mal ehrlich: Finden Sie sich eigentlich schön? Ich kenne keine Frau, die diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ beantwortet. Bei den meisten Frauen löst diese Frage einen akuten Anfall von Selbstkritik aus, der sich darin äußert, dass sämtliche vermeintliche körperliche Schwachstellen detailliert aufgelistet werden. Dabei ist eigentlich schon die Frage selbst falsch. Sie sollte eigentlich lauten: „Glauben Sie, dass Ihr Körper oder Teile Ihres Körpers unter den gegebenen kulturellen, zeitlichen und wirtschaftlichen Umständen Ihres Lebens dem derzeit von bestimmten Minoritäten favorisierten und propagierten Schönheitsideal mehr oder weniger nahe kommen könnte?“ Sie sehen, einfach wird es nicht, wenn man anfängt, Schönheitsideale oder die Idealfigur zu hinterfragen.

Denn Schönheit ist relativ. Das Gleiche gilt für das Schlanksein. Der derzeitige Schlankheitswahn ist eine Modeerscheinung – nicht mehr und nicht weniger. Und hat mit tatsächlicher, objektiver Schönheit nicht das Geringste zu tun. Die gibt es nämlich gar nicht…Fakt ist, dass sich Schönheitsideale in unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen ganz deutlich voneinander unterscheiden.

Kommen Sie mit zu einer kleinen Zeitreise der Schönheitsideale? Und natürlich gibt es zu Abschluss ein Fazit: Was ich von Schönheitsidealen und dem aktuellen Schlankheitswahn halte und ein kleines Plädoyer für weibliche Vielfalt.

Körperfülle als Symbol für Wohlstand und Sinnlichkeit

Werfen Sie doch mal einen Blick auf die Darstellungen der Aphrodite, der griechischen Göttin der Liebe, Liebeslust und Schönheit. Oder auf die berühmte Venus von Botticelli. Was sehen Sie? Sie sehen eine wohl proportionierte Frau mit kleinen, festen Brüsten, kräftigen Armen und Schenkeln, einem kleinen Bäuchlein und einer sanften Taille.

Im Mittelalter wiederum wurden extrem zarte Frauen mit einem fast schwanger anmutenden Bauch gemalt. Das Barock brachte der Kunst die üppige „Rubensfigur“ und sogar das wohl genährte Doppelkinn gehörte einstmals zur Idealfigur.

Historisch gesehen schwankte das weibliche Idealbild zwischen zart-schwächlich und üppig-weiblich. Dabei wurde die größere Körperfülle an bestimmten Stellen je nach Epoche als Anzeichen für Wohlstand, Gesundheit, Fruchtbarkeit oder Sinnlichkeit interpretiert.

Sportlich-schlanke Frauen mit langen Beinen

Dies änderte sich grundsätzlich am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Zuge der Industrialisierung und unter Einfluss des Puritanismus wurde der leistungsfähige, sportlich-schlanke Frauenkörper zum Vorbild.

Nur ein Detail von vielen, das sich dabei sehr nachhaltig änderte: Die Beinlänge der Idealfrau verlängerte sich deutlich. Das heißt konkret: Die halbe Idealfrau bestand plötzlich aus Beinen. Allein mit dieser Änderung wurde es einem Großteil der Frauen völlig unmöglich, der Idealfigur zu entsprechen.

Kind-Frau oder üppiges Vollweib?

In den 20er Jahren wurde dann auch noch der Rest der weiblichen Figur auf knabenhaft getrimmt: Um im neuen Flapper Dress beim Charleston-Tanzen eine gute Figur zu machen, benötigte Frau nicht nur lange Beine, sondern auch einen kleinen Busen und möglichst wenig Hüfte.

Eine kleine Unterbrechung erhielt der Magerwahn allerdings in den 50er und 60er Jahren. Dank Marilyn Monroe, Brigitte Bardot und Sophia Loren waren weibliche Kurven wieder angesagt und Busen, Po und Oberschenkel durften üppig sein. Nicht aber die Taille. Diese musste auch beim Vollweib möglichst schmal bleiben, die Sanduhr-Figur galt als Inbegriff der Weiblichkeit.

All dies spielte sich mehr oder weniger in den Kleidergrößen 38 bis 40 ab. Manche munkeln sogar, auch Größe 42 wäre den Leinwand-Göttinnen nicht fremd gewesen.

Völlig vorbei sind die Zeiten der Fülle, seit das englische Model Twiggy und der Mini-Rock die neue Jugendkultur der 68er Bewegung bestimmten. Auch der Mini-Rock sieht eben nur an sehr, sehr schlanken, mädchenhaften Frauen wirklich vorteilhaft aus.

Körperliche Fitness als Status-Symbol

In den 80er Jahren schließlich bahnte sich der Fitness-Wahn in Gestalt der Aerobic-Welle seinen Weg in Mode und Gesellschaft. Supermodels, wie Cindy Crawford und Naomi Campbell, bedienten dieses Frauenbild perfekt und die neue Yuppie-Kultur erkor den Körperkult zur elitären Lebensphilosophie.

Schlankheit wurde zum Statussymbol. Frauen, die diesem Ideal nicht entsprachen, wurden als undiszipliniert, schwach und erfolglos abgewertet, sie gehörten eben nicht „dazu“.

Knabenhafte Figur mit Phantasie-Busen

Schließlich brachte der „Heroin Chic“ der 90er Jahre eine weitere Komponente in die Modewelt: Der ausgemergelte, unterernährte, eigentlich krank wirkende Körper wurde glorifiziert. Bis heute gilt Kate Moss, die bei ihrer Entdeckung erst 14 Jahre alt war, als die Ikone der verruchten Kind-Frau.

In den letzten Jahren schließlich musste der mittlerweile stereotyp knabenhaft schmale Frauenkörper – ausgestattet mit unendlich langen Beinen, einer kaum vorhandenen Hüfte und Taille und einem extrem flachen, durchtrainierten Bauch – nicht nur in Kleidergröße 32 passen, er musste zudem mit einem proportional völlig überdimensionierten Busen ausgestattet sein, um als ideal zu gelten.

Da kann man nur gratulieren: Bravo! Wir haben es tatsächlich geschafft, eine weibliche Idealfigur zu erschaffen, die in der Natur so gut wie gar nicht mehr vorkommt.

Und die völlig realtitätsferne Inszenierung des weiblichen Körpers geht weiter: riesige, silikon-gepolsterte Pos, künstliche Puppen-Wimpern, durch innere Fäden hochgezurrte Jochbeine machen sich breit. Ein Ende ist leider nicht in Sicht.

Realistische Vorbilder als Mangelware

In dieser Mode- und Medienwelt der Extreme, in der wir ständig mit Bildern von formlosen, knochigen Gestalten und fettleibigen Einzelschicksalen bombardiert werden, wird es für viele Frauen immer schwieriger, die Frage zu beantworten, die ich Ihnen eingangs gestellt habe.

Vielleicht sollten wir uns zuerst der Frage widmen, was eigentlich noch realistisch ist, bevor wir uns einem Schönheitsideal unterwerfen. Doch die Bilder, die uns täglich erreichen, hinterlassen ihre psychischen Spuren. Ich befürchte, viele Frauen haben zwischenzeitlich den Bezug zu einem natürlichen, weiblichen Körper verloren.

Ganz besonders gefährlich ist dies für junge Mädchen in der Pubertät, die erst noch eine gesunde Beziehung zu ihrem sich verändernden Körper aufbauen müssen und von solchen falschen Vorbildern stark verunsichert werden. Und auch die reifere Frau in unserer Gesellschaft hat nichts zu lachen. Wie soll sich die erwachsene Frau, deren Körper sich mit fortschreitendem Alter auf ganz natürliche Weise verändert, mit jungen, faltenfreien Magermodels oder scheinbar alterslosen Filmstars messen?

Mein Plädoyer: zurück zur Natürlichkeit!

Ich finde, es ist Zeit, wieder zur Natürlichkeit zurückzufinden. Damit meine ich eine Natürlichkeit, die in unsere Zeit passt und für die meisten Frauen in unserer Gesellschaft auch realistisch – mit einem überschaubaren Aufwand an Zeit, Geld und Disziplin – erreichbar ist.

Dazu gehört ein Frauenkörper, der weder über- noch unterernährt ist. Der gesund und beweglich ist, ohne von Fitness-Sucht und Diät-Wahn gezeichnet zu sein. Ein Körper, der gut gepflegt, aber nicht bis zur stereotypen Einheitlichkeit gestylt ist. Ein Körper, der – je nach genetischer Veranlagung, Körperbau und Alter – seine fülligeren und schlankeren Zonen hat und diese auch zeigen darf. Ein Körper eben, in dem man leben, sich wohl fühlen und entspannt älter werden kann.

Kurz gesagt: Ich wünsche mir eine Welt, in der sich Frauen nicht ständig zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu hässlich oder zu alt fühlen, weil sie sich mit einem unrealistischen Idealbild vergleichen. Ich will in einer Welt leben, in der natürliche Vielfalt herrscht. Denn nur diese garantiert jeder Frau, dass sie einzigartig ist.

Finden Sie, dass dies ein unrealistischer Wunsch ist? Was halten Sie von gängigen Schönheitsidealen? Mit wem vergleichen Sie sich? Wer sind Ihre Stil-Vorbilder? Sind Sie mit sich und Ihrer Figur zufrieden? Lassen Sie mich und andere Leserinnen an Ihren Gedanken teilhaben und schreiben Sie einen Kommentar!